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Predigt zum Kirchweihfest 2021 in St. Sebastian, 30. Sonnntag B 2021

Jesus, der Weg der Kirche

Ein Mensch, der am Boden liegt. Der dennoch die Hoffnung noch nicht aufgegeben hat. Er schreit. Er schreit laut. Er stört. Er ist lästig. Man versucht ihn abzuwimmeln. Man will ihn mundtot machen: „Halt’s Maul!“

Jetzt wende ich mich besonders auch an alle Erwachsenen:
Ist das ein Bild für Kirche? – Man muss mit Beschämung feststellen – gerade auch nach der Meldung gestern in der Zeitung (MP, 23.10.2021: Misssbrauch: Warum ein Betroffener nichts vom Geständnis des Priesters wusste): So abwegig scheint der Vergleich nicht zu sein. – Man wollte und will nicht gerne hören, was unbequem ist. Man wollte und will lieber beim normalen Geschäft bleiben.

Doch kann man sich dabei nicht auf Jesus berufen. Jesus bleibt stehen. Er lässt sich aufhalten. Nichts ist wichtiger als der Mensch, der nach Hilfe schreit.

Habt Ihr gehört, was der Mann am Boden, der blinde Bartimäus, geschrien hat? – „Jesus, Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!“ – Den Ruf kennen wir doch! In jedem Gottesdienst rufen wir: „Herr, erbarme dich!“

Das ist Kirche, so möchte ich daraus folgern: Kirche ist dort, wo Menschen aus ganzem Herzen rufen: „Herr, erbarme dich!“ – Was meinen sie damit? Was bedeutet dieser Ruf? – Schauen wir auf den Bartimäus: Er liegt am Boden. Er kann nichts sehen. Er ist auf Hilfe angewiesen. Ohne die Hilfe anderer kann er nicht leben. – Aber er hat die Hoffnung noch lange nicht aufgegeben, die Hoffnung, dass es einen gibt, der ihm helfen, der ihn retten kann: „Jesus, hab Erbarmen mit mir! Rette mich!“

Steckt das in unserem Ruf am Beginn jeden Gottesdienstes? – Du, Herr, bist meine, bist unsere einzige Hoffnung! Du, Herr, kannst mein Leben heil und gut machen!“ – So geht Kirche. So ist Kirche – wenn sie ganz auf den einzigen ausgerichtet ist, der alles gut machen kann.

Darum gehören gerade die Menschen, die nach Hilfe schreien, mitten in die Kirche. Sie dürfen nicht übersehen werden. Sie dürfen nicht überhört werden. Sie haben ein Recht, dass man – dass Kirche, dass wir uns – ihnen zuwenden, ihnen zuhören und zu ihrem Recht verhelfen. – Das ist übrigens der Grund für den Synodalen Weg in Deutschland: die Aufdeckung des furchtbaren Missbrauchs in der Mitte der Kirche. Alle, die das nicht wahrhaben wollen; alle, die die ehrlichen Bemühungen des Synodalen Weges in Abrede stellen oder gar schlecht reden wollen, sollten sich dafür schämen. Auch und besonders wenn sie dies im Bischofsamt tun!

Jesus hat es vorgemacht: Er bleibt stehen auf seinem Weg nach Jerusalem. Er lässt sich aufhalten. Er unterbricht seinen Weg. „Ruft ihn her!“, sagt er.

Wir alle, jeder Gläubige, jeder Priester, jeder Bischof und der Papst, wir stehen unter diesem Wort Jesu: „Ruft ihn her – den, der schreit; den, der keine Ruhe gibt; den, der scheinbar stört.“

Wer das tut wie Jesus, der kann sein Wunder erleben. Denn ist es kein Wunder, dass der Blinde, der am Boden lag, aufspringt und seinen Mantel wegwirft? Der Mantel ist sein einziger Schutz vor Kälte und Nässe. Der Mantel ist seine Bettdecke, mit dem er sich in der Nacht zudeckt, der ihm wenigstens ein bisschen Geborgenheit schenkt. – All das wirft er von sich, um möglichst ungehindert zu Jesus zu kommen. – Welch eine Hoffnung setzt Bartimäus in Jesus! Welch ein Vertrauen! Alles setzt Bartimäus auf Jesus.

Tun wir das auch? Ist Bartimäus nicht eine wunderbare Hoffnungsgestalt für uns, eine große Ermutigung? Setze alles auf Jesus, den Erlöser Gottes! Er ist die einzige Rettung! – Das ist Kirche – Kirche im Sinne Jesu Christi! Nur ER rettet!

Doch dann wird Bartimäus abgebremst. Denn was soll die Frage Jesu: „Was willst du, dass ich dir tue?“ – Sieht es Jesus denn nicht? – Ich bin überzeugt: Jesus sieht es. Aber er will, dass der Blinde ihm mit eigenen Worten sagt, was sein Leben behindert. – Nur was angenommen und ausgesprochen wird, kann geheilt werden.

Darum ist das Gebet, das offene und ehrliche Gebet so notwendig. Mach aus deinem Herzen keine Mördergrube. Nein, sprich vor Gott aus, was dich traurig macht, was dich leiden lässt, was dich lähmt oder blind macht, was dein Herz schwer macht.

Auch das ist Kirche: Beten – Jesus alles sagen, was Not tut. Wir tun es als einzelne, wir tun es auch als Gemeinschaft im Gottesdienst.

Doch auch das gehört dazu: Dass wir miteinander offen und ehrlich reden. – Auch das geschieht bei den Versammlungen des Synodalen Weges. Das sind die ermutigensten Zeugnisse, die ich von der letzten Versammlung in Frankfurt gehört habe: dass viele offen und ehrlich gesprochen haben und dass gut zugehört wurde, ohne den anderen gleich abzuurteilen.

„Was willst du, dass ich dir tue?“ – Eine wichtige Frage in unserer Kirche, wenn sie denn ehrlich gemeint ist – mit großer Bereitschaft, auch zuzuhören.
„Rabbuni, ich möchte sehen können!“ – Es ist ein Wort, das mir zu Herzen geht. Da legt einer sein ganzes Vertrauen, seine ganze Hoffnung in die Bitte an Jesus.

„Rabbuni, ich möchte sehen können!“ – Mir kommt der Gedanken: So sollten wir bei jeder Begegnung in der Kirche, bei den Sitzungen im Pfarrgemeinderat, in der Kirchenverwaltung und in anderen Gremien beten: Am Anfang und auch dann, wenn wir uns gerade verhakt haben in einer Diskussion: „Rabbuni, ich möchte sehen können!“ – So geht Kirche.

So geht Kirche, die mit Jesus auf dem Weg ist. Jesus sagt: „Geh! Dein Glaube hat dich gerettet.“ Im gleichen Augenblick kann Bartimäus sehen – und er folgt Jesus auf seinem Weg nach.“ ... auf dem Weg nach Jerusalem; auf dem Weg zur Verhaftung, Geißelung, Kreuzigung... und zur Auferstehung.

Das ist der Weg Jesu. Das ist der Weg der Kirche.
Amen.

 

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