header PG Joseba

Predigt zum 5. Sonntag C 2022

Warum in der Kirche bleiben?

In dieser Woche hatten wir bei unserer Teambesprechung ein sehr persönliches und tiefes Gespräch. Wie gehen wir denn damit um, dass fast jeden Tag neue furchtbare Enthüllungen über unsere Kirche in der Zeitung stehen? Was sagen wir Christen, die uns fragen: Wie könnt ihr euch noch in dieser Kirche engagieren? Wir wissen auch, dass es z. B. Pfarrgemeinderäten momentan genauso geht. Kann man sich in dieser Kirche noch zum Pfarrgemeinderat oder in das Gemeindeteam wählen lassen?

Mit meinem Freund, der Pfarrer in Heilbronn ist, habe ich am Freitag Abend genau die gleichen Fragen gestellt. – Ja, wir sind alle tief betroffen über die schändlichen Taten, die Männer, oft Priester, aus unseren Reihen an Kindern verübt haben. Wir sind sprachlos angesichts des Leides, das vielen zugefügt wurde, die dann auch noch im Stich gelassen wurden von den Verantwortlichen.

Es macht uns zornig, dass selbst heute noch immer versucht wird, Ausreden zu finden und unterlassene Hilfe zu rechtfertigen. Als ob das die Schuld wegreden könnte. Warum stehen diejenigen, die Verantwortung hatten und haben, nicht dazu, dass sie schuldig geworden sind? Sie sind jedenfalls ihrer Verantwortung nicht gerecht worden, geschweige denn der Sorge für die Schwachen und Verletzten!

Wir haben Verständnis, dass so viele der Kirche den Rücken kehren; dass sie sagen: Mit dieser Kirche will ich nichts mehr zu tun haben.

Warum bleiben dann wir? Warum bleiben Sie? Welche Antwort geben Sie, wenn Sie gefragt werden?

In unserer Dienstbesprechung haben wir uns darüber ausgetauscht. Ich will versuchen, meine Antwort auf diese Fragen zu formulieren. Sie wurde aber auch bereichert und unterstützt von den Antworten meiner Mitarbeiter, wofür ich sehr dankbar bin.

Ich bin und bleibe Priester dieser Kirche, weil ich mich von Jesus im Herzen angesprochen fühle. Sein Evangelium und sein Leben, das er für die Kleinen und die am Rande eingesetzt hat, erfüllen mein Herz mit Freude und mit Hoffnung. Ich bin überzeugt: Es gibt für uns Menschen nichts Besseres, als was Jesus mit seiner Botschaft und mit seinem Leben verkörpert! Ich staune, mit welcher Zuversicht und mit welcher Kraft er sogar gegen Widerstände von außen und trotz all der Missverständnisse selbst bei seinen Jüngern durchgehalten hat. „Vater, in deine Hände lege ich mein Leben.“ Das Gebet Jesu am Kreuz bringt eine Hoffnung wider alle Hoffnung zum Ausdruck. Daran will ich mich festhalten. „Für Gott ist nichts unmöglich!“ Das glaube ich sogar angesichts der immensen Schuld in unserer Kirche.

Braucht es dafür die Kirche? Mögen manche fragen. – Ich möchte antworten mit „Nein“ und mit „Ja“. Nein, weil alles an Gott gelegen ist. Ja, weil Gott nichts ohne Mittun von Menschen vollbringt. Gott hat sich an Menschen gebunden. Das wird deutlich in der Menschwerdung Jesu Christi. Das wird auch deutlich in den vielen Berufung von Propheten im sog. Alten Testament und auch in den Berufungen der Jünger Jesu.

In den Texten des heutigen Sonntages wird mir deutlich: Es sind nicht unfehlbare Menschen, die Gott beruft. Im Gegenteil: Wem Gott aufleuchtet, der erschrickt. Er erschrickt über die Größe Gottes, über seine Erhabenheit und zugleich über die eigene Unzulänglichkeit. „Weh mir, ich bin verloren. Denn ein Mann unreiner Lippen bin ich und mitten in einem Volk mit unreinen Lippen wohne ich.“ (Jes 65), so entfährt es dem Propheten Jesaja. Die Sünde muss ihm im wahrsten Sinn des Wortes ausgebrannt werden mit einer glühenden Kohle. – Wäre es nicht erlösend, wenn endlich einer unserer Bischöfe oder Kardinäle oder auch ein emeritierter Papst das mit voller Überzeugung bekennen könnte!

Petrus geht es gar nicht anders. Angesichts der nicht für wahr gehaltenen Fülle an Fischen, die ihm ins Netz gingen, weil er gegen besseres Wissen auf Jesu Wort hin die Netze noch einmal am Tag ausgeworfen hatte, angesichts dessen wirft es ihn im wahrsten Sinn des Wortes zu Boden. „Als Simon Petrus das sah, fiel er Jesus zu Füßen und sagte: Geh weg von mir; denn ich bin ein sündiger Mensch, Herr! Denn Schrecken hatte ihn und alle seine Begleiter ergriffen.“ (Lk 58f.) Diesen Schrecken braucht es, um die Sendung Jesu erfüllen zu können: „Fürchte dich nicht! Von jetzt an wirst du Menschen fangen.“ (Lk 510) – Menschen für Gott gewinnen, so muss man das verstehen. Oder auch: Schiffbrüchige an das rettende Ufer bei Gott zu ziehen. – Das ist die Sendung Jesu und seiner Jünger. Doch immer müssen sie sich ihrer Fehlbarkeit bewusst sein. Immer müssen sie sich neu darauf besinnen und umkehren. Von Petrus wird es noch einmal nach der Kreuzigung und Auferstehung Jesu erzählt. Drei Mal fragt ihn Jesus da: „Petrus, liebst du mich?“ Drei Mal hatte Petrus Jesus verleugnet. Dennoch wagt es Jesus noch einmal. – Warum? Es gibt halt keine unfehlbaren Menschen! Und dennoch setzt Jesus seine Hoffnung auf sie. Doch sie, doch wir müssen immer wieder umkehren. – Vielleicht müssen wir uns das gerade heute zu Herzen gehen lassen.

Nichts darf bagatellisiert werden, nichts darf leichtfertig entschuldigt werden. Umkehr ist angesagt. Entsprechende Schritte bis hin zum Rücktritt müssen dafür Zeichen sein. Eine neue Kirche braucht es. Eine Kirche, die sich wieder mehr auf Jesus besinnt – und auf ihre eigene Fehlbarkeit.
Amen.

 

­