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Predigt an Pfingsten 2022

„Hauch diese Erschlagenen an, damit sie lebendig werden!“ (Ezechiel 37)
Asthmatiker können es nachempfinden, was das heißt: Atemnot. Wenn die Luft wegbleibt. Wenn man zu ersticken droht. – Furchtbar! Mehr als beklemmend.

Atemnot! – Diese Erfahrung verbinde ich momentan auch mit unserer Kirche. Es geht ihr die Luft aus, so scheint es. Nur eine Priesterweihe in Würzburg am Samstag vor Pfingsten. Selbst bei Pastoral- und Gemeindereferenten gibt es nur noch wenige, die diesen Beruf ergreifen wollen.

Vielen stockt der Atem, wenn schon wieder ein neuer Skandal gemeldet wird. Manche wagen nur noch ganz flach zu atmen, weil die Luft so stickig ist zwischen den alten Mauern, in denen Türen und Fenster verschlossen, ja verrammelt erscheinen.

Was ist die Folge? – Immer mehr treten aus, sie verabschieden sich aus der Kirche, weil sie enttäuscht sind; weil sie nichts Gutes mehr von ihr erwarten. Selbst der Generalvikar von Speyer sieht für sich nur noch diesen Schritt.

Geht auch uns die Puste aus? Gibt es denn keinen, der uns neuen Atem schenkt?

Zweierlei möchte ich Euch heute sagen: Was ich gerade angerissen habe, das darf und soll nicht unter den Teppich gekehrt werden. Die Realität muss im Blick bleiben. Sie muss ertragen werden, so schmerzlich sie ist. Vieles muss verändert werden – mit viel Geduld und Durchhaltevermögen!

Dennoch will ich dabei nicht stehen bleiben. Denn Resignation ist kein Name Gottes. So behaupte ich in Anlehnung an einen anderen Spruch, nämlich: Erfolg ist kein Name Gottes, – Nein, Resignation ist kein Name Gottes!

Bin ich deswegen ein Schönfärber? Oder kann ich mich auf die biblische Botschaft berufen? Kann ich mich auf das Evangelium Jesu Christi berufen?

Ich erinnere heute an einen der schönsten Texte in der Bibel Israels. Er wird oft in der Osternacht gelesen. Die Vision des Propheten Ezechiel im Kapitel 37. Ezechiel sieht in einer Vision eine Ebene voller ausgebleichter menschlicher Knochen: Tod, wohin er schaut. „So tot ist das Volk Gottes!“, wird dem Propheten vor Augen gehalten. Kann in diese toten Gerippe noch einmal Leben zurückkehren? – Undenkbar für Menschen. Doch für Gott ist nichts unmöglich! – Der Prophet berichtet: „Da sagte ER – der HERR – zu mir: Rede als Prophet zum Geist, rede prophetisch, Menschensohn, sprich zum Geist: So spricht GOTT, der Herr: Geist, komme herbei von den vier Winden! Hauch diese Erschlagenen an, damit sie lebendig werden!“ (Ez 379) Ezechiel erzählt weiter: „Und es kam Geist in sie. Sie wurden lebendig und sie stellten sich auf ihre Füße – ein großes, gewaltiges Heer.“ (3710) – Die Auferstehung des Volkes Gottes! Ezechiel kündigt sie an. „Ich gebe meinen Geist ich euch“, spricht Gott, „dann werdet ihr lebendig ... und ihr werdet erkennen, dass ich der HERR bin.“ (Ez 3714)

Auferstehung und Pfingsten, sie fallen in einem zusammen. So wird es uns ja auch im Johannesevangelium erzählt. „Am Abend des ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht ... bei verschlossenen Türen beisammen waren, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sprach: Friede sei mit euch! ... Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. ... Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist!“ (Joh 2019.21-22)

So beginnt Kirche zu leben. Aus verängstigten, eingeschüchterten und entmutigten Jüngern werden Apostel – Gesandte, weil der Gekreuzigte als der Auferstandene in ihre Mitte tritt. Die sich nur noch flach zu atmen getrauten, sie holten tief Luft, weil ihnen der Geist eingeflößt wurde, der Geist Gottes. Dann rissen sie Fenster und Türen auf, traten an die Öffentlichkeit und verkündeten: Es gibt nichts Besseres, als auf den Gott Jesu Christi zu vertrauen. Es gibt keine bessere Alternative, als die Welt mit seiner Lebenskraft zu gestalten!

Kann das heute geschehen?

Johanna Beck, die ein berührendes Buch über ihre eigene Missbrauchserfahrung geschrieben hat, aber dennoch in der Kirche bleibt bzw. in sie zurückgekehrt ist, erzählt vom Katholikentag in Stuttgart, von den unterschiedlichen Erfahrungen, aber eben auch davon: „Dennoch blicke ich überwiegend mit einem Lächeln (und einem Sonnenbrand) auf dem Gesicht, mit einem vollen Herzen und einer ermutigten Seele auf diese fünftägige Veranstaltung zurück.“ Sie berichtet dann von Podien, bei denen ganz offen über die „wunden Punkte“ und die drängenden kirchlichen Fragen“ geredet wurde, sie benennt auch „die feinen Workshops und die spannenden spirituellen Experimentierfelder, in denen man sich über seinen Glauben austauschen und ihn vertiefen konnte“, dann hält sie fest: „Der Hauptgrund, warum ich allen Schattenseiten zum Trotz freudig auf den Katholikentag zurückblicke, liegt jedoch in den unzähligen wunderbaren Begegnungen“. (vgl. Christ in der Gegenwart 23/2022, S. 2)

Da fühle ich mich zutiefst angesprochen: Ja, das kann ich als Pfarrer bestätigen. Es gibt so viele wunderbare Begegnungen, die ich als Pfarrer habe.

Da war z. B. am Donnerstag die konstituierende Sitzung des neuen Gemeinsamen Pfarrgemeinderates. Gewöhnlich sind solche Sitzungen nicht vergnügungssteuerpflichtig, aber da erlebte ich eine große gegenseitige Offenheit und ich spürte „Geist“; Geist, sich für das Gute des Glaubens und der Kirche einzusetzen.

Da gab es am Freitag ein ehrliches und ermutigendes Gespräch mit einem jungen Mann, der vor Jahren aus der Kirche ausgetreten war, jetzt wieder zurückgekehrt ist und sagte: „Es gibt so Vieles, was die Kirche meinen Kindern, die es noch gar nicht gibt, die ich aber hoffentlich bald haben werde, bieten kann. Ich habe es von einem Freund erfahren, der an der Kommunionvorbereitung mitgemacht hat, der einige Zeit Ministrant war, an Zeltlagern und anderen schönen Veranstaltungen teilgenommen hat.“

Nach solchen Begegnungen kann ich wieder freier atmen. Und es gibt viele davon. Ich muss mich nur immer wieder daran erinnern. Und ich denke: Bei Gott ist nichts unmöglich!

Das möchte ich euch heute sagen: Vertraut dem Geist Gottes! Lasst euch von IHM die Zuversicht einhauchen und die Kraft Gottes. Dann könnt Ihr aufatmen. Der Geist Gottes lebt in Euch. ER richtet Euch auf! So lebt Kirche auf. Amen.

 

 

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