header PG Joseba

Bunter Schmetterling, leih mir deine Flügel

Predigt zur Verabschiedung am 31. Juli 2022

„Bunter Schmetterling, leih mir deine Flügel!“ – Hermann Simon hat mir zum Thema dieses Abschiedsgottesdienstes verholfen. Ich war noch unschlüssig, hatte mir jedoch dieses Lied von ihm und von der Band gewünscht – wir werden es am Ende des Gottesdienstes singen –, da hat er dieses Thema vorgeschlagen. Und es hat mir sehr zugesagt.

„Bunter Schmetterling, leih mir deine Flügel!“ – Nein, wie ein bunter Schmetterling komme ich mir wirklich nicht vor. Ich bin in meinem Leben nie von Blüte zu Blüte getanzt. Ich fühlte mich immer bodenständig, nie flatterhaft, oft auch nicht so leicht wie ein Schmetterling. Schließlich hat es mich ja auch 18 Jahre hier am Heuchelhof und in Rottenbauer gehalten. Dass ich seit einem Jahr auch nach Reichenberg tanzen darf, war auch nicht ganz von mir gewählt, sondern der Situation geschuldet. Es gab sogar eine Zeit in den ersten Jahren am Heuchelhof, da wäre ich fast abgestürzt und hätte aufgegeben. Also unbeschadet sind die Flügel des Schmetterlings auch nicht geblieben. Und dennoch bin ich heute froh und dankbar für diese 18 Jahre.

Leichtigkeit – das ist es, was mich an einem Schmetterling fasziniert: die Leichtigkeit, mit der er sich vom Wind tragen lässt von einer Blüte zur anderen, um Nektar zu sammeln und zu verteilen.

Leichtigkeit – danach habe ich mich in den letzten Tagen gefragt: Wann habe ich Leichtigkeit verspürt? Wann und wie wurde sie mir geschenkt? – Denn als Geschenk habe ich Leichtigkeit immer empfunden, wenn sie denn aufgekommen ist. – Gottesdienste mit Kindern und Familien kommen mir da als erstes in den Sinn. Ah, wie habe ich das genossen, wenn Kinder mich mit großen Augen angeschaut haben, oder wenn Kinder ganz überraschende Antworten gefunden haben auf eine meiner Impulsfragen! Wenn ich gemerkt habe: Die Kinder sind jetzt ganz wach und aufmerksam dabei. Eine Szene werde ich nie vergessen – es war nicht einmal ein Familiengottesdienst, sondern eine ganze normale Sonntagspredigt: Ich hatte zu Beginn eine Frage an die Zuhörer gerichtet, sie war eigentlich rhetorisch gedacht. – Doch wer antwortet einem Prediger schon, wenn er eine Frage stellt? – Da kam von der ersten Bank aus dem Mund eines Jungen, der noch gar nicht zur Schule ging – heute ist er ein gestandener junger Mann – da kam die Antwort: „Auf keinen Fall!“ – Verblüffte Stille in der Kirche, dann befreites und zustimmendes Lachen. „Auf keinen Fall!“ Das war genau die Antwort, die ich bei den Zuhörern provozieren wollte. Viele haben es vielleicht gedacht, der Junge hat es laut gerufen. Da ging mir das Herz auf. Danach lief die Predigt „wie geschmiert“.

Es war kein Einzelfall, immer wieder haben mich Kinder auf solche Weise erheitert, ermuntert und ermutigt: ihre Spontaneität, ihre Ehrlichkeit, ihr Einfallsreichtum. Gottesdienste und Katechesen mit Kommunionkindern, Gottesdienste in und mit den Kindergärten, auch die Gottesdienste mit den Schülerinnen und Schülern der Grund- und Mittelschule, immer wunderbar vorbereitet von den Religionslehrerinnen – da habe ich sie oft gespürt: die Leichtigkeit des Schmetterlings, die Freude über das Dasein.

Eines will ich deshalb noch erwähnen: Die Gottesdienste in der Hans-Schöbel-Schule im Zentrum für Körperbehinderte – wie oft bin ich beschwingt und dankbar heim gegangen. „Jetzt hat Weihnachten begonnen – oder auch Ostern“, habe ich oft gespürt. – Behinderte? – Keineswegs! Voller Leben, voller Lebendigkeit, beseelt von einer wunderbaren Herzlichkeit! – Und das hier am Heuchelhof und in unserer Pfarreiengemeinschaft: Das ist das Glück dieses Stadtteils und dieser Pfarreiengemeinschaft.

Auch die Ökumene kommt mir in den Sinn. Was sich auf den höheren Ebenen oft schwerfällig anfühlt, das ist hier bei uns – Gott sei Dank – selbstverständlich geworden und nicht mehr wegzudenken. Der Wendepfarrbrief, die Zusammenarbeit in vielen Fragen und insbesondere viele ökumenische Gottesdienste – etwa auf der Landesgartenschau – bleiben als Höhepunkte in meiner Erinnerung.

Leichtigkeit – wo habe ich sie noch erlebt? – Je mehr ich nachgedacht habe, desto ist mir eingefallen. Ich kann gar nicht alles aufzählen. – Ich erinnere mich an ein Wochenende mit den Pfarrgemeinderäten, an gute Gespräche – besonders an die Abende bei Wein oder Bier. Ich erinnere mich an den Witz mit den Engelchen, die auf den Rosenkranzperlen sitzen und sich festhalten sollten, weil das Fritzchen den Rosenkranz nicht anders beten kann, als ihn rund zu schwingen. Am meisten hat eine Frau gelacht, von der ich es gar nicht gedacht hätte. (Gell, Johann, kannst Du Dich noch erinnern?)

Ich erinnere mich an die Wochenenden mit den Kommunionkindern und Eltern von Rottenbauer, an die Nachtwanderungen und die Schneeballschlacht und so manches andere. Die zwei Pragfahrten mit der Kirchenverwaltung St. Sebastian bleiben mir dankbar in Erinnerung... und und und ...

Ich denke aber auch gerne an so manches Tauf- und Traugespräch mit jungen Eltern oder Brautpaaren, an die Offenheit und die Nähe, die spürbar wurde. Und – kaum zu glauben: auch ein ernstes Gespräch mit Trauernden kann zu einem Gefühl der Leichtigkeit führen: weil wir mit dem Leben in Kontakt kamen.

Liebe Mitchristen, ich erzähle euch das heute – sicher nur in einigen Blitzlichtern –, weil ich euch an meinen Freuden als Pfarrer Anteil geben möchte. Wie dankbar bin ich für alle diese Augenblicke! Wie sehr haben sie in mir den Glauben gestärkt und die Überzeugung: „Das Reich Gottes ist schon mitten unter euch!“ (vgl. Lk 1721) Genau das ist die Mitte der Botschaft und des Lebens Jesu: „Das Reich Gottes ist schon mitten unter euch!“ Das möchte ich Euch heute bei meinem Abschied aus der Pfarreiengemeinschaft JOSEBA noch einmal sagen. Das vergesst nicht! Daran erinnert euch! Dafür öffnet die Augen! Es gibt nichts Schöneres, nichts Besseres als diese Botschaft Jesu Christi, die in jenem Lied zum Ausdruck kommt, das wir am Ende singen wollen:

„Das Grab ist leer und Jesus lebt. Freudenfest einer neuen Zeit;
mein Herz blüht auf, ich atme frei, meine Seele singt:
Bunter Schmetterling, leih mir deine Flügel!
Trag mich durch die Welt, trag mich durch die Zeit!

Amen.

­