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Predigt am 18. Oktober 2020, 29. Sonntag im Jahreskreis

 

„Was erbitten Sie für euer Kind?“ – So werden Eltern bei der Taufe ihres Kindes gefragt.

Es gibt einen Text, da beginnt die Antwort mit dem Satz: „Wir wollen nicht, dass unser Kind mit allen Wassern gewaschen wird, sondern mit dem Wasser der Taufe.“

Einmal haben mir Eltern bei der Taufvorbereitung erwidert: „Doch, wir wollen, dass unser Kind mit allen Wassern gewaschen ist!“ Da war ich verblüfft.
„Wie meinen Sie das?“, fragte ich die Eltern. Sie antworteten: „Wir wünschen, dass sich unser Kind einmal durchsetzen kann. Es soll sich wehren können. Es soll vorankommen und es zu etwas bringen!“

Eltern, die das heutige Evangelium hören, könnten antworten: Da schau doch! Ist dieser Jesus nicht auch mit allen Wassern gewaschen? Er hat’s doch faustdick hinter den Ohren. Er lässt sich nicht so leicht austricksen. Er lässt sich nicht so schnell aufs Kreuz legen! – Und ich müsste ihnen da sogar Recht geben.

Das hatten sie sich schlau ausgedacht, die Gegner Jesu. Erst schmieren sie ihm Honig um den Bart: „Wir wissen, dass du immer die Wahrheit sagst. Du redest keinem nach dem Mund. Du sagst, was du denkst!“ Und dann kommt die Falle: „Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuer zu zahlen oder nicht?“ – Antwortet Jesus mit „Ja“, dann können sie sagen: Er nimmt es mit unserer Religion nicht so genau. Denn auf das Volk Gottes hat nur Gott allein Anspruch – kein heidnischer Kaiser. Antwortet Jesus mit „Nein“, dann können sie ihn als Volksaufhetzer gegen die Römer, als Rebellen anklagen. – Eine feine Zwickmühle, in die sie Jesu gebracht haben. Ich sehe, wie sich die Gegner Jesu schon die Hände reiben vor heimlicher Freude.

Doch dann geschieht das Überraschende. Jesus dreht den Spieß um. „Zeigt mir die Münze, mit der ihr eure Steuern zahlt.“ Und bevor die frommen Männer nachdenken können, haben sie die Münze schon in der Hand. – „Dumm gelaufen“, könnte man sagen. Der Schuss ist nach hinten losgegangen. Jesus hat sie nämlich überführt. Sie haben selbst eine solche Münze in ihrem Besitz, die sie so verachten, weil darauf das Bild des Kaisers in Rom geprägt ist mit der Inschrift: „Divus Augustus – der göttliche Augustus“.
Ich gestehe: An dieser Szene habe ich meinen Spaß. Ich freue mich über Jesus: dass er so schlagfertig ist; dass er sich nicht austricksen lässt. So leicht lässt er sich nicht aufs Kreuz legen.
Und ich denke: Ja, so darf ein Christ sein: so schlagfertig, so einfallsreich, auch so schlau. So wünschte ich mir mich selbst und viele Christen: dass wir uns nicht so schnell in die Defensive drängen lassen, sondern dass wir mit Rückgrat Rede und Antwort stehen; dass wir mit Standfestigkeit unsere Überzeugung vertreten.

Allerdings: Mit dem Ausdruck „mit allen Wassern gewaschen sein“, da tue ich mir für einen Christen immer noch schwer. Da denke ich eher an „raffiniert“ und „hintertrieben“, an einen, der hauptsächlich auf seinen eigenen Vorteil schaut. Und das passt für mich ganz und gar nicht auf Jesus, selbst nicht in dieser Szene.

Es ist interessant, dass die Gegner Jesu ihn recht genau beschreiben und einschätzen können, selbst wenn sie dabei böse Hintergedanken haben: „Meister, wir wissen, dass du immer die Wahrheit sagst und wirklich den Weg Gottes lehrst, ohne auf jemand Rücksicht zu nehmen; denn du siehst nicht auf die Person.“ – Kann man etwas Größeres über einen Menschen sagen? Kann man ein größeres Kompliment aussprechen?

Einer, bei dem man weiß, wie man mit ihm dran ist; der es ganz ehrlich meint; bei dem Denken, Reden und Handeln übereinstimmen. Authentisch und transparent, würde man heute wohl sagen. – So einer ist Jesus – selbst nach der Einschätzung seiner Gegner.

Einer, bei dem Gott ganz an erster Stelle steht; der fragt, was vor Gott recht und gut ist – und der konsequent danach handelt. – So einer ist Jesus. Und solche Menschen sollten die Jünger Jesu sein, die sich Christen nennen.

„Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört.“ – Jesus nennt hier durchaus ein Lebensmotto, nach dem er selbst lebt. Er selbst gehört Gott, sein ganzes Leben gehört ihm. Vor Gott als aufrechter, standhafter Mensch zu leben, der weiß, wem er alles verdankt und der in Liebe darauf Antwort gibt; das ist es, worauf es Jesus ankommt – nicht auf eine Münze.

Sind Sie dazu bereit Ihre Kinder zu erziehen? Sind Sie bereit, Ihren Kindern solche Werte vorzuleben, ihnen darin ein überzeugendes Vorbild zu sein? – Da-ach werden christliche Eltern bei der Taufe ihres Kindes gefragt. Das heißt: wir alle sind als Christen angefragt.

Christus-förmige Menschen: Menschen, die sich an Jesus, an seinem Leben und Handeln ausrichten – gewiss keine einfache, nein eine anspruchsvolle Aufgabe für Eltern und für jeden von uns! Aber ich bin überzeugt: Unsere Welt, un-ere Gesellschaft braucht solche Menschen.

Menschen mit Rückgrat; Menschen, die ehrlich und offen auftreten; die mit Güte und Liebe, aber auch mit Festigkeit anderen in die Augen sehen können; die sich selbst ins Herz schauen lassen, weil darin die Liebe Gottes ihren Platz hat. Menschen, die sich von Gott geliebt wissen – und deshalb keine Angst haben, im Leben zu kurz zu kommen. Menschen, die aus einer Liebe leben, die ihnen nicht genommen werden kann – und deshalb offen und ehrlich zu ihrer Überzeugung stehen können. Menschen, denen Gottes Zuwendung den Rücken stärkt – und die deshalb auch unangenehme Wahrheiten auszusprechen wagen. Menschen, für die Gott an erster Stelle steht – und darum auch die Menschen, die ihre Hilfe brauchen. Menschen, die ihr Leben für andere einsetzen …

Nein, ich möchte nicht mit allen Wassern gewaschen sein. Und ich wünsche mir für unsere Kirche und Gesellschaft auch nicht Kinder, die mit allen Wassern gewaschen sind. Ich wünsche mir Menschen wie Jesus: mit Witz und Schlagfertigkeit, aber vor allem mit Rückgrat, mit Offenheit und Ehrlichkeit, mit Einsatz für eine gerechtere, liebevollere Welt. Amen.

Ihr Pfarrer Alfred Kraus


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