header neu

Predigt zum 10. Sonntag B 2021

Verantwortung abschieben oder übernehmen

(vgl. Gen 39-15)

„Kardinal Marx erschüttert die katholische Kirche.“ – Das war die Überschrift heute / gestern auf der ersten Seite des Volksblattes. Und weiter im Text: „Es ist ein Kirchenbeben, das Deutschland gerade erlebt. Am Freitagvormittag wurde bekannt, dass der Münchner Erzbischof, Reinhard Kardinal Marx, dem Papst am 21. Mai seinen Amtsverzicht angeboten hat.“

Wie begründet Kardinal Marx seinen Schritt? – Er hat an Papst Franziskus geschrieben: „Seit dem letzten Jahr denke ich intensiver darüber nach, was das für mich persönlich bedeutet ... Im Kern geht es für mich darum, Mitverantwortung zu tragen für die Katastrophe des sexuellen Missbrauchs durch Amtsträger der Kirche in den vergangenen Jahrzehnten. Die Untersuchungen und Gutachten der letzten zehn Jahre zeigen für mich durchgängig, dass es viel persönliches Versagen und administrative Fehler gab, aber eben auch institutionelles und „systemisches“ Versagen. Die Diskussionen der letzten Zeit haben gezeigt, dass manche in der Kirche gerade dieses Element der Mitverantwortung und damit auch Mitschuld der Institutionen nicht wahrhaben wollen und deshalb jedem Reform- und Erneuerungsdialog im Zusammenhang mit der Missbrauchskrise ablehnend gegenüberstehen. Ich sehe das dezidiert anders. Beides muss im Blick bleiben: persönlich zu verantwortende Fehler und das institutionelle Versagen, das zu Veränderungen und zur Reform der Kirche herausfordert.“ Kardinal Marx schreibt weiter: „Ich empfinde jedenfalls meine persönliche Schuld und Mitverantwortung auch durch Schweigen, Versäumnisse und zu starke Konzentration auf das Ansehen der Institution.“

Abschließend schreibt er an den Papst: „Ich glaube, eine Möglichkeit, diese Bereitschaft zur Verantwortung zum Ausdruck zu bringen, ist mein Amtsverzicht. So kann von mir vielleicht ein persönliches Zeichen gesetzt werden für neue Anfänge, für einen neuen Aufbruch der Kirche, nicht nur in Deutschland. Ich will zeigen, dass nicht das Amt im Vordergrund steht, sondern der Auftrag des Evangeliums. Auch das ist Teil der Hirtensorge. Ich bitte Sie deshalb sehr, diesen Verzicht anzunehmen.“

Manchen hat der Brief des Kardinals die Sprache verschlagen. Etliche atmen auf: Endlich ein glaubwürdiges Zeichen von einem „Mann in Amt und Würden“! Wunibald Müller, ehemaliger Leiter des Recollectio-Hauses der Abtei Münsterschwarzach, urteilt so: „Das Rücktrittsangebot von Kardinal Marx wirkt wie Ostern. ... Es lässt hoffen, dass der tote Punkt, an dem die katholische Kirche wegen der Missbrauchskrise angekommen ist, zum Wendepunkt wird.“

In aller Erschütterung stimme ich Wunibald Müller zu und bin dankbar für die Entscheidung des Münchner Kardinals, auch wenn damit das Dilemma der Kirche noch längst nicht überstanden ist.

Vielleicht wundern Sie sich, wenn ich jetzt auf die heutige Lesung aus dem Buch Genesis zu sprechen komme. Dort wird in mythologischer Sprache von der Ur-Sünde des Menschen erzählt. Und es wird erzählt, wie es unter Menschen üblich ist, die Verantwortung immer auf den anderen zu schieben. Der Mensch auf seine Frau, die Frau auf die Schlange. „Sie war es. Ich kann noch eigentlich gar nichts dazu!“ – Diese Ur-Sünde ist auch in der Kirche mächtig. Dazu hat sich Kardinal Marx bekannt. Er hat sich durchgerungen, damit ein Ende zu machen und zu seiner Verantwortung zu stehen – sowohl persönlich wie auch als Mann der Kirche in einem hohen Amt. Es sind ihm im letzten Jahr wohl die Augen aufgegangen. Er hat die eigene Nacktheit und die Nacktheit unserer Kirche immer deutlicher gesehen. Nun bekennt er sich dazu. – Das ist ein guter Anfang. Und es hat tatsächlich etwas mit Ostern zu tun. Dort wo die Verantwortung angenommen und die Schuld eingesehen wird, dort kann das Pflänzchen des Reiches Gottes neu aufblühen.

„Im Schweiße deines Angesichts wirst du dein Brot essen“ (Gen 319). Was wie eine Drohung klingt, kann auch als Ermutigung gelesen werden. In diesem Sinne: Es wird noch manche Anstrengung kosten, dass die Kirche – dass wir – das Vertrauen der Menschen in das Evangelium zurück gewinnen. Ohne „Schweiß und Tränen“ wird es nicht gehen. Aber es ist der einzige Weg, den zu gehen, sich lohnen wird. Dann ist diese aufregende Zeit eine Zeit des Wendepunktes. Darauf hoffe ich.

­