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Predigt zum 13. Sonntag B 2021

Mitten im Tod sind wir vom Leben umfangen!

„Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen.“ – Erschreckend und brutal wurde es am Freitagabend ganz in unserer Nähe Wirklichkeit. ..

Fanatische, kranke Menschen meinen manchmal, dass sie damit Gott einen Gefallen tun. Ob im Koran oder selbst in der Bibel, sie meinen, sie könnten sich auf die Worte der Heiligen Schrift berufen. Ja, wer sie sucht, der findet dort Worte, die so klingen. Aber wir wissen heute, dass die Bibel Gotteswort in Menschenwort ist. Es sind Texte, die von Menschen geschrieben wurden, die Erfahrungen mit Gott gemacht haben. Aber es sind auch Texte, die nicht fertig vom Himmel gefallen sind; auch nicht von einem Engel einem Heiligen ins Ohr geflüstert wurden. Darum muss man genau lesen und muss unterscheiden: Was ist wirklich Gotteswort, und wo begegnen uns Menschenworte, die bei aller Überzeugung fehlbar sind?

Nein, die Bibel ist nicht aus einem Guss. Sie ist über Jahrhunderte gewachsen und ist eine Sammlung ganz verschiedener Texte. Darum braucht es eine gute historisch-kritische Auslegung. – Das ist mindestens seit dem letzten Jahrhundert festgelegte katholische Überzeugung.

Prüfen wir die Bibel auf die Frage nach der Auferstehung der Toten, dann müssen wir feststellen: Es gibt gerade in diesem zentralen Thema unseres Glaubens verschiedene Antworten in der Bibel. Wir können es in den Evangelien verfolgen: Die Sadduzäer, eine religiöse Gruppierung im Judentum zur Zeit Jesu waren der Meinung: Eine Auferstehung der Toten gibt es nicht. Denn in den ersten fünf Büchern des Mose, der sogenannten Tora, steht davon nichts. Jesus war genauso wie die Pharisäer, eine andere jüdische Gruppierung, ganz anderer Meinung.

Wir können mit der heutigen Lesung aus dem Buch der Weisheit – es wurde im letzten Jahrhundert vor Christi Geburt geschrieben –, argumentieren: „Gott hat den Menschen zur Unvergänglichkeit erschaffen und ihn zum Bild seines eigenen Wesens gemacht.“ (Weish 223) Denn schon im ersten Buch Mose, im Buch Genesis, wird überliefert: „Gott erschuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn.“ (Gen 127) Also: Im Menschen leuchtet etwas auf von der Würde Gottes, auch vom Leben Gottes. – Wie sollte Gott sein eigenes Bild in den Tod fallen lassen?

Darum heißt es im Buch der Weisheit: „Gott hat den Tod nicht gemacht und hat keine Freude am Untergang der Lebenden. Zum Dasein hat er alles geschaffen.“ (Weish 113)

Der Prophet Ezechiel hat auf beeindruckende Weise Gottes Willen verkündet: „Ich will nicht den Tod des Sünders, sondern dass er umkehrt und lebt.“ (Ez 36)

Genau darauf beruft sich Jesus in seinem Leben und in seiner Verkündigung. An seinem Wirken und an seinen Taten können wir es ebenso ablesen, gerade im heutigen Evangelium.

Von einem verzweifelten Vater und von einer verzweifelten Frau wird uns im Evangelium erzählt. Wahrscheinlich ist es volle Absicht, dass der Evangelist das Leiden eines Mannes und einer Frau in seiner Erzählung verschränkt: Ein Vater, der um das Leben der kleinen Tochter bangt. Und eine Frau, die unter einer schweren und demütigenden Krankheit leidet. Sie leidet an Blutungen. Das Leben fließt aus ihr heraus. Dem zwölfjährigen Mädchen, das noch keine Menstruation hatte, entweicht das Leben auf eine andere Weise. Aber beiden geht das Leben verloren, und es ist nicht aufzuhalten.

Nur einer kann helfen, sind der verzweifelte Vater und die leidende Frau überzeugt: Jesus. Darum suchen sie seine Nähe. Sie suchen die Berührung. Sie wollen sich und das gefährdete Kind mit Jesus in Berührung bringen. „Komm und leg ihr die Hände auf“, bittet der Vater. Die Frau nimmt es in die eigenen Hände. Von hinten schleicht sie sich an. „Wenn ich auch nur sein Gewand berühre, werde ich geheilt“, ist ihre verzweifelte Hoffnung. (Mk 5) Das ist ein Skandal. Sie macht – nach damaliger Überzeugung – Jesus unrein. Sie versündigt sich.

Doch Jesus ist anders. Er lässt die Frau nicht im Ungewissen. Sie, die sich nicht unter seine Augen traute und sich deshalb von hinten näherte, sie muss gefunden werden, damit er sie ansehen kann – und umgekehrt. Ins Gesicht will er ihr sagen: „Meine Tochter, dein Glaube hat dich gerettet. Geh in Frieden!“

Dem verzweifelten Vater sagt Jesus angesichts der Nachricht, die Tochter sei gestorben und er solle Jesus nicht weiter belästigen: „Fürchte dich nicht! Glaube nur!“

So will ich die Texte des heutigen Sonntags zusammenfassen – gerade angesichts des Unfassbaren, dass am Freitag mitten in Würzburg mehrere Menschen sterben mussten und andere schwer verletzt wurden: Wer anderen das Leben raubt, der kann sich nicht auf den Gott der Bibel berufen – und ich bin überzeugt: auch nicht auf den Gott des Koran!

Gott will das Leben. Dem Leben zu dienen, ist unsere Aufgabe als Christen – und ebenfalls die Aufgabe der Moslems.

Und selbst wo Leben verloren scheint, gibt es die Botschaft der Lebensmacht Gottes über den Tod hinaus: „Fürchte dich nicht! Glaube nur!“ Denn „Gott hat keine Freude am Untergang der Lebenden. Zum Dasein hat er alles geschaffen.“ (Weish 1)

Begegnung mit Jesus, seine Berührung schenkt Leben. Darauf dürfen wir noch hoffen, selbst wenn wir sterben. Vielleicht ist dies das schönste Bild von Auferstehung: Jesus nimmt uns an der Hand. Er richtet uns auf. Er lässt uns sein Angesicht schauen, und Leben und Freude durchströmen unser Herz. Wir leben vor SEINEM Angesicht in neuer, nicht mehr zu überbietender Lebendigkeit.

Wir können die Erfahrung, die Luther in jenem Lied in Worte gefasst hat, auch umdichten und sagen: Mitten im Tod sind wir vom Leben umfangen. Weil Jesus uns angerührt hat. Amen.

 

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