header neu

nicht gehaltene Predigt zum 1. Fastensonntag 2022

Gedanken zum Hirtenwort von Bischof Franz

Eigentlich sollte ich heute das Hirtenwort unseres Bischofs Franz vorlesen. Darauf werde ich jedoch verzichten: zum einen, weil es schon während der Woche im Sonntagsblatt zu lesen war, zum anderen weil Sie es im Internet auf der Bistumsseite sogar vom Bischof selbst ansehen und anhören können, zuletzt auch, weil ich nicht so richtig zufrieden damit bin. Das hat mich in meinen 40 Jahren als Priester bisher nur ein einziges Mal davon abgehalten, das Hirtenwort des Bischofs nicht vorzutragen, im 41. Jahr ist es also das 2. Mal. Dennoch will ich auf diesem Weg auf die Worte des Bischofs eingehen und versuchen, sein Anliegen zu verstehen und zu vermitteln.

Der Bischof spricht von „Frustration“, die sich breit macht. Er hat es aus vielen Rückmeldungen wahrgenommen, von Gläubigen und auch von Seelsorgerinnen und Seelsorgern. Frustration wird zum „Überdruss“ an der Kirche. Darauf will er mit seinem Hirtenwort antworten. Er greift dazu eine alte geistliche Erklärung und Übung auf. Er erklärt, dass die Frustration aufgrund der Kirchenkrise zu einem Tunnelblick führt: Man sieht nur noch das Schlechte, nicht mehr das Gute. Daraus folgt eine „tiefsitzende Traurigkeit“, die „Häme und Verachtung“ zur Folge hat, weil man sich „aufgrund des Fehlverhaltens der Kirchenleitungen und Amtsträger getäuscht fühlt“. Eine weitere Folge sind „Ungeduld und eine innere Rastlosigkeit“, die bis zur „Aggression“ wachsen können. Das wiederum kann schließlich in „Antriebslosigkeit“ enden oder zur „Flucht vor der bedrängenden Wirklichkeit“ führen.

Diese Beschreibung verdeutlicht Bischof Franz mit dem Beispiel der Jünger Jesu am Ölberg (Mt 26,36-46). Aus Enttäuschung über das nahe Ende des Meisters“ schlafen sie ein und suchen ihr Heil in der Flucht. Als Heilungsmittel gegen diese Versuchung verweist der Bischof sodann auf „das Beispiel Jesu als Ermutigung in widrigen Zeiten“. Bischof Franz schreibt: „Dem übermächtigen Eindruck, alles sei sinnlos und lohne keinen weiteren Einsatz, gibt Jesus nicht nach. In der Nacht am Ölberg ringt er mit der Frage, ob er nun aufgeben soll. Am Ende erlangt er im Gebet die Gewissheit, seinen Weg weiterzugehen.“

Die Worte, die Bischof Franz weiter über das Gebet schreibt, sind alle richtig und zutreffend. Sie kommen bei mir jedoch nicht an. Und ich befürchte, dass es vielen anderen ebenso ergeht. Jedenfalls haben es mir manche auch so bestätigt. – „Warum?“, frage ich mich. Und genau deshalb mute ich Ihnen das heute zu. Ich will das Hirtenwort des Bischofs nicht schlecht reden. Es hat durchaus ein ernst zu nehmendes Anliegen, nämlich die Enttäuschung so vieler und die Flucht aus der Kirche. Ich befürchte jedoch, dass die gewählte Form dieses Briefes nicht dagegen hilft. Ich befürchte, dass viele die Worte als „von oben herab“ oder vom „Lehrkatheder gesprochen“ erleben: schöne Worte, mit denen man den Schmerz übertüncht und die Ernsthaftigkeit des Anliegens vieler eher bagatellisiert als ernst nimmt. Der Appell „Ich bitte Sie: Lassen auch Sie sich nicht entmutigen in Ihrem persönlichen Engagement! Ich bin überzeugt: Sie machen den Unterschied, wenn Sie Kirche auch und gerade jetzt mitgestalten!“ ist sicher gut und ehrlich gemeint, aber er nimmt die Not und den Schmerz so vieler (auch von mir) nicht wirklich ernst. So empfinde ich es zumindest.

Was mich persönlich betrifft: Ich hätte mir gewünscht, dass der Bischof meinen Schmerz und meine Ohnmacht und den Schmerz und die Ohnmacht so vieler ehrlicher Christen würdigt und vielleicht auch etwas von seinem eigenen Schmerz und seiner Ohnmacht angesichts der furchtbaren Verfehlungen in der Kirche und durch die Kirche und darüber hinaus persönlich erzählt.

Mit dem Satz „Der Verrat in den eigenen Reihen scheint Jesus nicht zu überraschen...“ wird nach meiner Meinung die Schwäche der Kirche bagatellisiert. Als ob dies das Normalste der Welt sei. Als ob es nicht doch ein Skandal, ein „Stein des Anstoßes“, sei, dass Jünger Jesu sich so verfehlen. – Wo wird da das Leiden Jesu, sein Kampf bis zum Blutschweiß ernst genommen? In diesem Zusammenhang wirkt das Zitat aus dem 2. Korintherbrief („Jetzt ist die Zeit der Gnade“) für mich wie ein Schlag ins Gesicht! Für mich ist Jesus ganz und gar nicht „souverän“ seinen Weg gegangen im Wissen, „dass die Macht des Guten siegen wird“. Er hat geweint, er hat gezittert, er hat Blut geschwitzt, er hat in seiner Verlassenheit nach Gott geschrien: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ – Wo wird das ernst genommen im Brief des Bischofs?, frage ich.

Das ist meine Überzeugung, und damit möchte ich Sie und alle, die an der Kirche leiden, ermutigen: Jesus gibt seine Jünger nicht auf, und er gibt die Welt nicht auf. Er leidet bis ins Letzte und streitet sogar mit Gott, den er doch seinen Vater nennt, weil ER im Innersten vertraut: Gott ist der Gott des Lebens. ER ist der Gott der Liebe. ER rettet, wo menschlich gesehen nur Ende und Tod sind. Nur Gott kann retten und heilen und Zukunft schenken. Dennoch schreit Jesus: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mk 15,34)

Diesem Jesus will ich treu bleiben. Mit IHM will ich meinen Weg gehen ... auch mit der Kirche und in der Kirche. Denn auch ich bin ein fehlerhafter Mensch, ein Teil dieser Kirche, die allzu oft Jesus im Stich gelassen hat und lässt. Mein Glaube an Gott steht oft und immer öfter auf wackeligen Füßen. – Doch Jesus hat seine Jünger damals nicht aufgegeben. Und ER hat die Welt nicht aufgegeben. Und ER wird sie nicht aufgeben. – Das will ich bezeugen – wider alle Müdigkeit und Traurigkeit!

Ein Letztes will ich noch anfügen, weil es mir wichtig ist. Denn angesichts des Hirtenwortes unsers Bischofs frage ich mich:

Ist dem Bischof bewusst, dass er rein strukturell in der Position eines Verursachers der Krise ist? Vielleicht könnte ich seinen Heilungsversuchen besser folgen und zustimmen, wenn er dies ganz persönlich zum Ausdruck bringt. Er trägt – davon gehe ich aus – keine persönliche Schuld am Verbrechen der Priester oder anderer Personen der Kirche, die Menschen durch Missbrauch schwer verletzt und ihr Leben schlimm geschädigt haben, er hat sich – so nehme ich ebenfalls an – als Generalvikar und Bischof redlich um Aufklärung und Hilfe für die „Geschädigten“ bemüht. Dennoch gehört er als Bischof zu der „Kaste“, die nach meiner leidvollen Überzeugung seit Jahrzehnten versagt hat; die die Zeichen der Zeit für die Kirche nicht erkannt hat und nicht erkennen will; die die „Schafe“ im Stich gelassen hat um der „reinen Lehre“ willen. Es geht wieder einmal um den Erhalt der Kirche. Der drohende Verlust von Macht wird versucht zu verhindern. – Doch genau das gelingt nicht mehr!

Dennoch: Wir sind auf dem Weg nach Ostern. Wir sind auf dem Weg zum Reich Gottes, das Gott aufrichten wird. Und manchmal erlebe ich schon etwas davon: wenn ich Menschen ins Gesicht schaue und ihre Zuversicht in den Augen lese, auch ihre Freude und ihre Zuneigung – trotz allem! – Danke allen, die mich das erleben lassen!

Ihr Pfarrer Alfred Kraus

­